Schreib dich durch die Neunziger – Ein literarischer Abend voller Erinnerungen, Emotionen und Lebensgeschichten
Sonntag
19 Okt.
2025
Man hätte kaum einen passenderen Auftakt für die diesjährigen Novembertage finden können: Rund siebzig Gäste folgten am vergangenen Samstagabend der Einladung des Vereins Alter Gasometer ins Puppentheater Zwickau, um gemeinsam in ein bewegtes Jahrzehnt einzutauchen – die Neunzigerjahre. Ein Abend, der weit mehr war als eine Lesung. Es war ein literarischer Zeitzeugenabend – ehrlich, nah, manchmal schmerzhaft, oft hoffnungsvoll.
Fünfzehn Autorinnen und Autoren präsentierten ihre Texte, entstanden in zwei Schreibwerkstätten im März diesen Jhres im Alten Gasometer, an denen insgesamt zwanzig Teilnehmende mitwirkten. Begleitet von der Schriftstellerin Constanze John näherten sie sich in intensiver Auseinandersetzung ihrer eigenen Geschichte – und der Geschichte einer Zeit, die uns bis heute prägt.
Die Altersvielfalt auf der Bühne reichte von Mitte dreißig bis Mitte achtzig. Und genauso vielfältig waren die Stimmen, Erinnerungen und Emotionen, die an diesem Abend zu hören waren. Da wurden Träume verwirklicht und neue Lebens- und Arbeitssituationen beschrieben, da ging es um familiäre Erinnerungen, um das Wende-ABC, um Dankbarkeit und Verlust, um rechte Gewalt und die Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch. Manche Texte ließen schmunzeln, andere rührten zu Tränen. Einige wurden ganz leise, zart und berührend gelesen, andere laut, eindringlich und kraftvoll vorgetragen – alle aber waren persönlich, authentisch und tief empfunden.
Für mich – als jemand, der selbst die Neunziger in Zwickau erlebt hat – war dieser Abend eine Zeitreise. Die Worte auf der Bühne weckten Bilder, Gerüche, Gefühle – das Rattern alter Maschinenhallen, die Euphorie der Wiedervereinigung, die Leere nach den ersten Werksschließungen, die Suche nach neuen Wegen. Es war, als würde man gemeinsam ein Stück kollektives Gedächtnis wiederentdecken – ein Mosaik aus Geschichten, das die große Geschichte greifbar machte.
Mit seiner einfühlsamen Einführung erinnerte Mario Zenner vom Verein Alter Gasometer daran, wie sehr die 90er ein Jahrzehnt zwischen Systemwechsel und Systemabsturz gewesen seien. Er sprach von der Euphorie der Wiedervereinigung, von Aufbruchsstimmung und neuen Freiheiten – aber ebenso von den Brüchen, die dieser Wandel mit sich brachte: vom Zusammenbruch ganzer Industriezweige, von Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Orientierungslosigkeit, die plötzlich das Leben vieler Menschen bestimmten. Und doch, so Zenner, habe diese Zeit auch Chancen eröffnet – neue wirtschaftliche Stabilität, neue kulturelle und gesellschaftliche Initiativen, und nicht zuletzt den Aufbruch vieler junger Menschen, die Räume schufen, weil sie welche brauchten. Der Alte Gasometer selbst, so erinnerte er, sei ein Kind dieser Jahre – gegründet aus dem Bedürfnis heraus, Begegnung, Austausch und Kultur zu ermöglichen. 35 Jahre später tue man dies noch immer – mit demselben Anspruch, aber unter anderen Herausforderungen. Er erinnerte zudem daran, dass in den Neunzigern eine neue europäische Dimension entstand: Europa öffnete sich, die Europäische Union formte sich, internationale Begegnungen wurden möglich – auch hier in Zwickau, wo Vereine schon früh Jugendbegegnungen mit Partnern aus ganz Europa organisierte. Es war die Zeit, in der sich ein neues, gemeinsames weltoffenes und solidarisches Bewusstsein entwickelte – eines, das bis heute in der Arbeit des Vereins spürbar bleibt. Zum Ende seiner Worte deutete Zenner den sogenannten „Systemabsturz“ – fast augenzwinkernd – als metaphorisches Bild: Die vielzitierte Sorge jener Tage, ob der Computer den Sprung ins neue Jahrtausend überstehen würde, stand sinnbildlich für eine Gesellschaft, die an der Schwelle zu einer neuen Ära stand. Der Übergang von der analogen Welt in eine zunehmend digitale, sich rasant verändernde Zeit begann – ein Abschied und zugleich ein Anfang. Vielleicht, so Zenner, seien genau darin schon die Themen verborgen, die Stoff für eine neue Schreibwerkstatt liefern könnten: Geschichten vom Beginn des 21. Jahrhunderts – und davon, wie Menschen sich in einer Welt im Wandel neu verorten.
Frau Dr. Sabine Stach vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa bot anschließend – aus dem Blickwinkel der Kulturwissenschaftlerin und als Ideengeberin der Schreibwerkstätten in fünf Regionen – einen eindrucksvollen Überblick über die entstandenen Werke. Sie ordnete die Texte in ihren zeitgeschichtlichen Kontext ein, zeigte die Vielfalt der persönlichen Perspektiven auf und machte deutlich, wie individuell die Neunziger erlebt und erinnert werden. Ihre Worte verliehen dem Abend Tiefe und verbanden die literarischen Stimmen mit dem größeren gesellschaftlichen Bild jener Zeit.
Auch die dramaturgische Handschrift von Constanze John war an diesem Abend deutlich spürbar. Kurze musikalische Begleitungen, das behutsame Einblenden persönlicher Bilder der Autorinnen und Autoren sowie kleine biografische Einführungen gaben jedem Beitrag Tiefe und Resonanz. Sie ließen Raum für das Wort, unterstützten es zugleich sanft – und schufen so eine Atmosphäre, in der Erinnerung und Emotion ihren eigenen Klang fanden.
Ein besonderer Dank galt allen Autorinnen und Autoren, die uns an ihren Erinnerungen teilhaben ließen, sowie dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa für die Unterstützung der Werkstätten und der Lesung. Und nicht zuletzt dem Team des Puppentheaters Zwickau, das mit seiner Bühne und Atmosphäre diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis machte.
So endete der Auftakt der Novembertage 2025 mit einem Gefühl von Nähe, Verständnis und Verbundenheit – ein Abend, der zeigte, wie Literatur Brücken schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Menschen und Lebenswelten.
Ein berührender, ganz persönlicher Abend, der noch lange nachklingt – leise, ehrlich und stark.
Ein Gast