„Osten als Passage“ – Eine Lesung über Herkunft, Wandel und Identität

Donnerstag
23 Okt.
2025

Eine weitere Lesung im Rahmen der Novembertage fand diesmal im Alten Gasometer statt – ein besonderer Abend, einer, der leise begann und lange nachklang. Schon das Veranstaltungsformat selbst schafft einen eindrucksvollen Rahmen: Die Novembertage sind eine Zeit des Erinnerns, des Innehaltens, des Nachdenkens über Brüche und Neubeginne. Hier wird über die Pogromnacht gesprochen, über den Nationalsozialismus, die friedliche Revolution, die Wiedervereinigung, die 1990er-Jahre – und über die bis heute spürbaren gesellschaftlichen Spannungen. In diesem Kontext passte die Lesung von Dr. Tobias J. Knoblich perfekt: Sein Buch „Osten als Passage. Essays“ handelt genau von solchen Übergängen – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ost und West, zwischen privater Erfahrung und kollektiver Geschichte.

Knoblich, 1971 in Zwickau geboren, ist Kulturwissenschaftler, Autor und heute Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur. Nach seinem Studium der Kulturwissenschaft und Europäischen Ethnologie in Berlin beschäftigte er sich viele Jahre mit Fragen von Identität, Erinnerung und gesellschaftlichem Zusammenhalt – insbesondere aus ostdeutscher Perspektive. In seinem Essayband verknüpft er persönliche Erlebnisse mit kulturpolitischen Reflexionen und schafft so ein vielschichtiges Bild davon, was „Ostsein“ bedeuten kann, ohne sich in Klischees oder Nostalgie zu verlieren.

Der Abend begann ruhig, mit Tiefe – und entwickelte sich zu einer eindrücklichen Lesung. Knoblich las nicht einfach vor, er erzählte: von seiner Familie, seiner Kindheit und Jugend hier in Zwickau. Er sprach von seinem Opa und seiner Oma, von einem Onkel, dessen Lebensweg tragisch endete – Geschichten, die deutlich machten, wie eng das Private und das Zeitgeschichtliche miteinander verwoben sind.

Besonders eindrücklich waren die kleinen, fast beiläufigen Szenen, die das Publikum sofort in eine vergangene Zeit versetzten: die Busfahrerin im Ikarus, die Bockwurst im Strandbad Planitz. Es waren Bilder voller Leben, ohne Wehmut – Geschichten von Menschen, die ihren Platz suchten, sich bewegten, Ziele vor Augen hatten, auch wenn sich die Welt um sie herum ständig veränderte.

Zwischen diesen heiteren und warmen Momenten fanden sich immer wieder nachdenkliche Töne: Wie prägt Herkunft unser Denken? Wie erzählen wir unsere Geschichte – und wer hört eigentlich zu? Knoblich sprach über die Wendezeit, über Aufbruch und Irritation, über den Versuch, sich in einem neuen System zurechtzufinden, das zwar Einheit versprach, aber oft Ungleichheit erlebbar machte. Doch anstatt Anklage zu erheben, erzählte er mit leiser Beharrlichkeit von Menschen, die nicht aufgaben – von einer Generation, die lernte, ihre eigene Geschichte neu zu lesen.

Als der Abend zu Ende ging, blieb eine besondere Ruhe im Raum. Viele Gäste blieben noch, um das Buch zu kaufen, um weiterzureden oder einfach ein paar Minuten sitzen zu bleiben. Knoblich beantwortete Fragen über Vergangenheit, Identität und Zugehörigkeit mit einem klaren, aber immer empathischen Blick. Er sprach mit Gästen, Freunden, Weggefährten – offen, zugewandt, auf Augenhöhe.

Eine Besucherin fasste den Abend treffend zusammen:
„Ich ging mit dem Gefühl nach Hause, etwas sehr Echtes erlebt zu haben – keine große politische Rede, sondern ein tief persönliches Erzählen, das unsere kollektive Geschichte spürbar machte.“

„Osten als Passage“ – das ist nicht nur der Titel des Buches, sondern eine Haltung: zu verstehen, dass Herkunft kein Ort ist, sondern Bewegung. Dass Erinnerung kein Stillstand bedeutet, sondern Weitergehen. Und dass Identität immer wieder neu erzählt werden muss – leise, menschlich, verbunden mit denen, die vor uns waren.

Crowdfunding für Vereine: Volltreffer in der GGZ Arena!

Zum vorhergehenden Blog-Artikel

Gedenkstättenfahrt nach Terezín

Zum nächsten Blog-Artikel