Zwischen Tradition und Neudenken: Wie wollen wir erinnern?
Dienstag
04 Nov.
2025
Wie wollen wir erinnern – und wie sollten wir es tun?
Diese Frage stand im Zentrum eines intensiven Abends mit Max Czollek und Oliver Titzmann, die über Gegenwart und Zukunft der deutschen Erinnerungskultur sprachen.
Erinnerung als Spiegel der Gegenwart
Für Max Czollek ist Erinnerung kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, die ständig neu geführt werden muss. Er kritisiert, dass sich Deutschland gern als „aufgearbeitet“ versteht, während rechte Parteien wieder erstarken. Seine Diagnose: Die mehrgenerationale Hoffnung, Aufarbeitung führe automatisch zu Demokratie, ist gescheitert. Menschen mit Migrationsgeschichte blieben aus der offiziellen Erinnerung ausgeschlossen, obwohl sie die Kontinuität rechter Gewalt besonders deutlich erleben. Eine neue Erinnerungskultur müsse plural, selbstkritisch und inklusiv sein.
Kontinuität und Verantwortung
Oliver Titzmann bringt eigene Erfahrungen aus der DDR ein. Damals habe man von „SS-Bestien“ gesprochen, ohne wirklich zu fragen. „Die DDR zerbrach an ihrem Anspruch“, sagt er. Nach der Wiedervereinigung habe es keinen Neubeginn gegeben – stattdessen kehrten westdeutsche Schulbücher und Deutungsmuster zurück. Für Titzmann liegt der Schlüssel nicht in Betroffenheit, sondern in Verantwortung. Erinnerung dürfe nicht instrumentalisiert werden. Im Zentrum müsse das Menschliche stehen – das Bewusstsein, dass jeder für sein Handeln verantwortlich ist.
Erinnern heißt verändern
Auch das Publikum brachte wichtige Impulse: Fragen nach migrantischer Beteiligung am Gedenken, nach Haftung und Verantwortung, nach der Wirksamkeit von Betroffenheit. Czollek blieb skeptisch: „Vielleicht können wir die Frage, wie Erinnerung Verhalten verändert, gar nicht mehr beantworten. Aber auch wenn wir verlieren – wir gestalten die Gesellschaft mit.“
Der Abend zeigte: Gedenkkultur ist kein statisches Konzept, sondern ein Streit um Deutung, Teilhabe und Haltung.