Film und Diskussion zu „Todeszug in die Freiheit“
Donnerstag
13 Nov.
2025
Ein bewegender Film, ein intensives Gespräch und viele nachdenkliche Gesichter: Unter dem Titel „Todeszug in die Freiheit“ lud das Projekt „DenkMal! Todesmarsch Mülsen – Eibenstock 1945“ zu einem besonderen Film- und Gesprächsabend ein. Im Mittelpunkt stand die gleichnamige Dokumentation von Thomas Muggenthaler und Andrea Mocellin, die das kaum bekannte Kapitel einer spektakulären Rettungsaktion tschechischer Zivilisten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs erzählt. Der sogenannte Todestransport mit der Nummer 94803 sollte in den letzten Apriltagen im Jahr 1945 Gefangene aus dem KZ-Außenlager Leitmeritz ins KZ Mauthausen bringen. Der Transport verlief jedoch anders als geplant, denn tschechische Zivilist:innen organisierten Rettungs- und Hilfsaktionen entlang der Strecke.
Gesprächsgast war der Regisseur Thomas Muggenthaler. Der Politikwissenschaftler und Journalist beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der NS-Zeit und ihren Nachwirkungen. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Bayerischen Fernsehpreis für „Verbrechen Liebe“ (2015) und dem Sonderpreis des deutsch-tschechischen Journalistenpreises für „Todeszug in die Freiheit“. 2025 erschien zudem sein neues Buch „Mit dem Leben davongekommen. Exil und Neuanfang. Bayerisch-jüdische Lebenswege“.
Im Gespräch gab Thomas Muggenthaler Einblicke in seine Arbeit. Auf das außergewöhnliche Filmmaterial stieß er bereits 2007 im Rahmen der Eröffnung der Gedenkstätte Flossenbürg. Schon damals habe er gespürt, dass es sich um eine besondere Geschichte handelt – daraus entstand zunächst eine Hörfunksendung, später der preisgekrönte Film. Dieser lief mehrfach im tschechischen Fernsehen, die Geschichte sei vor Ort nicht sehr bekannt gewesen. Die Hilfsaktion für die Gefangenen stand eher im Schatten der kollektiven Erinnerung an den Maiaufstand in Prag kurz vor Kriegsende. Dank der Zusammenarbeit mit der Historikerin Pavla Pachlá war es gelungen, Kontakt zu Überlebenden und Helfern herzustellen. Die Begegnungen seien tief bewegend gewesen: „Man wundert sich fast, dass man als Deutscher dort überhaupt so herzlich aufgenommen wird“, so Muggenthaler.
Die Dokumentation, deren Kameramann Sorin Dragoi für seine Arbeit mit dem Deutschen Kamerapreis ausgezeichnet wurde, beeindruckte durch ihre dichte Bildsprache. Originalaufnahmen aus dem Frühjahr 1945, Interviews mit Überlebenden und Helfer:innen sowie neu gedrehte Szenen – teils mit einer Super-8-Kamera – verweben sich zu einem eindringlichen Werk.
Im Publikum herrschte nach dem Film spürbare Betroffenheit. „Sehr bewegend“, „ein Kloß im Hals“ – so lauteten die ersten Reaktionen. Zwischen Entsetzen über die Grausamkeit der NS-Verbrechen und Bewunderung für die Zivilcourage der tschechischen Bevölkerung lag spürbare Nachdenklichkeit im Raum.
In Orten wie Roztoky, wo Häftlinge aus dem Zug befreit wurden, finden heute alljährlich Gedenkfeiern an mehreren Gedenkorten statt. Andere Schauplätze erinnern bisher kaum an die damaligen Ereignisse. Die Diskussion drehte sich auch um die Frage, was die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Muggenthaler betonte: „Die Situation ist mit heute schwer vergleichbar. Aber sie zeigt, dass jeder Mensch Handlungsspielräume hat – und dass es von uns abhängt, ob wir sie nutzen.“
Zum Abschluss wurde der Regisseur gefragt, wie er selbst mit der emotionalen Schwere solcher Themen umgeht. „Ich habe keine spezielle Technik“, sagte er. „Aber es gibt ja auch noch andere Dinge im Leben als die Beschäftigung mit der NS-Zeit.“ Ein Satz, der den Abend auf eindrückliche Weise abrundete – nachdenklich, aber nicht hoffnungslos.
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