Deutsch-polnischer Schulaustausch: Im Dialog über geteilte Geschichte

Montag
02 Feb.
2026

Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerungskultur spielt eine wichtige Rolle, um gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen und eigene Perspektiven zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund fand im Rahmen des Projektes „DenkMal! Todesmarsch Mülsen – Eibenstock 1945“ ein internationaler Schüleraustausch statt, um lokale Geschichte zu erkunden und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Vom 26. bis 30. Januar waren sieben Schülerinnen und Schüler der Szkoła Podstawowa Niechorze an der Oberschule Westerzgebirge zu Gast. Gemeinsam mit ihren deutschen Austauschpartnerinnen und Austauschpartnern setzten sie sich an mehreren Tagen mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs auseinander. Die Woche begann mit einem Kennenlernen, bei dem erste sprachliche Brücken entstanden. Die polnischen Jugendlichen konnten ihre Deutschkenntnisse anwenden, während die deutsche Gruppe erste polnische Wörter erlernte. Dieser Einstieg erleichterte den Austausch und schuf eine offene Atmosphäre für die folgenden Programmpunkte.

Ein zentraler Bestandteil der Woche war der Besuch des ehemaligen KZ-Außenlagers in Mülsen St. Micheln. Die Gruppe beschäftigte sich dort mit der Geschichte des Ortes und mit den Biografien von Tadeusz und Andrzej Sobolewicz. Tadeusz Sobolewicz wurde 1944 als politischer Häftling aus Polen nach Mülsen deportiert und überlebte den Brand des Lagers am 1. Mai 1944. Seine Erinnerungen veröffentlichte er später in dem Buch „Aus der Hölle zurück“. Sein Sohn Andrzej besuchte im April 2025 die Gedenkfeier in Mülsen und berichtete über das Leben seines Vaters. Die Begegnung mit dieser Familiengeschichte hinterließ bei den Jugendlichen einen tiefen Eindruck und verdeutlichte die Bedeutung persönlicher Zeugnisse für das historische Lernen.

Am folgenden Tag setzte sich die Gruppe mit dem Denkmal am Kohlweg in Bad Schlema auseinander. Dort wurden 83 Häftlinge aus dem Außenlager erschossen und begraben. Die Jugendlichen erkundeten die Gestaltung des Denkmals und diskutierten über dessen Symbolik. Dabei entstand ein Austausch darüber, wie in ihren Familien und im persönlichen Umfeld über den Nationalsozialismus gesprochen – oder geschwiegen – wird und welche Formen des Erinnerns sie kennen. Diese Gespräche machten unterschiedliche Zugänge sichtbar und eröffneten neue Perspektiven auf historische Verantwortung.

Am Donnerstag stand ein kreativer Zugang im Mittelpunkt. In der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg gestalteten die Teilnehmenden eigene Postkarten mit verschiedenen Drucktechniken. Die Karten sollen in einigen Wochen an die Austauschpartnerinnen und Austauschpartner versendet werden, bevor die Gruppe aus Bad Schlema im Mai nach Polen reist. Parallel dazu entstanden in binationalen Tandems während der gesamten Woche Videotagebücher. Ein Teilnehmer übernahm die Aufgabe, das Material zu einem gemeinsamen Video zusammenzustellen, das am Freitag präsentiert wurde.

Die Austauschwoche zeigte, wie wichtig es ist, historische Themen gemeinsam zu bearbeiten und Raum für Fragen, Gespräche und persönliche Eindrücke zu schaffen. Die Begegnung stärkte das gegenseitige Verständnis und machte deutlich, wie junge Menschen eine gemeinsame europäische Zukunft aktiv mitgestalten können.

Das Quartier Neuplanitz – Blick nach vorn

Zum vorhergehenden Blog-Artikel

Erstes Eltern-Café sorgt in Neuplanitz für ein volles Haus

Zum nächsten Blog-Artikel