Chronik - Friedliche Revolution in Zwickau und Umgebung

ab 1980

In aller Welt entstehen Denkansätze, um die Konfrontation zwischen den Militärblöcken zu überwinden.

 

24. Januar bis 10. August 1983

Die sechste Vollversammlung des Ökumenischen Rates findet in Vancouver/Kanada statt. Hier beginnt die Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie wird zu einem konziliaren Prozeß der Weltchristenheit.

 

1984 bis 1989

Der Widerspruch zwischen den weltweiten Rüstungsausgaben und der zunehmenden Not in der Welt unterstützt die Entspannungsbemühungen und zwingt die Großmächte immer wieder an den Verhandlungstisch.

 

20. Oktober 1987

Im Gemeindehaus der Katharinenkirchgemeinde Zwickau treffen sich Menschen bei einer ersten Gesprächsrunde, um ein konkretes Vorhaben des konziliaren Prozesses auch in der Zwickauer Region zu beginnen. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Gründung einer alternativen Bibliothek.

 

23. Oktober 1987

Die Kreisdienststelle Zwickau der Stasi eröffnet einen Operativen Vorgang (OV) unter dem Namen „Konzil". Über die Mitglieder  der Gruppe berichten mehr als 30 Informelle Mitarbeiter (IM).

 

1988

 

17. Januar 1988

Bei Demonstrationen zum 69. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden in Berlin 120 Personen verhaftet. Diese trugen eigene Losungen, u. a. mit dem Luxemburg-Zitat „Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden". Zu den Verhafteten gehören Freya Klier, Stephan Krawczyk, Vera Wollenberger, Werner Fischer, Bärbel Bohley, Ralf Hirsch, Wolfgang und Lotte Templin. Sie werden zeitweilig des Landes verwiesen.

 

21. Januar 1988

Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg tritt für die Freilassung aller Inhaftierten ein, die im Zusammenhang mit der Demonstration am 17. Januar 1988 in Untersuchungshaft sind.

 

27. Januar 1988

In Zwickau veranstalten der „Umweltkreis am Dom" und die „Friedensbibliothek" den „Markt der Möglichkeiten".

 

12. bis 15. Februar 1988

Bei der ersten Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung treffen sich Delegierte aus der DDR in Dresden. Sie verabschieden die „Zeugnisse der Betroffenheit", eine gründliche Zustandsanalyse der DDR.

 

1. März 1988

Westberliner können künftig zu Kurzreisen nach Ostberlin fahren und dort einmal übernachten.

 

21. März 1988

Drei Vertreter der Zwickauer Friedensbibliothek werden ins VPKA vorgeladen. Sie werden verwarnt, mit dem „Markt der Möglichkeiten" eine ungesetzliche Veranstaltung durchgeführt zu haben.

1988


5. April 1988
Die Stasi notiert 21 Personen, die sich abends zur Vorbereitungsrunde der Bibliotheksgründung im Katharinenpfarramt treffen.

7. April 1988
Im Klub der Intelligenz findet eine Veranstaltung mit dem Thema „Menschenrechte im Streit der Ideologien“ statt.

9. April 1988
An einer ersten Baumpflanzaktion der Konziliaren Gruppe beteiligen sich in Eckersbach 20 Personen.

11. April 1988
In den Räumen der Inneren Mission Zwickau wird die Aufnahme des Arbeitskreises „Konziliarer Prozess“ als Gruppe der offenen Arbeit unterzeichnet und somit rechtskräftig. Die Gruppe versteht sich damit als Teil der Inneren Mission. Der Buchbestand der Bibliothek gilt als Teil der Ephoralbibliothek in Verantwortung des Superintendenten.

30. April 1988
Der zweite Arbeitseinsatz zur Baumpflanzung durch Vertreter des Konziliaren Prozesses findet wieder in Eckersbach statt.

29. Juni 1988
Die Friedensbibliothek erhält nach monatelanger Suche und vielen Absagen einen 12 qm großen Raum im Gemeindezentrum der Versöhnungskirchgemeinde.
 
5. August 1988
Die Oberbürgermeister von Dortmund und Zwickau unterzeichnen einen Partnerschaftsvertrag der Städte.

1988

1. September 1988
Im Gemeindezentrum der Versöhnungskirchgemeinde in der Ossietzky-/Ecke Reichenbacher Straße wird die Friedenbibliothek mit vielen Gästen offiziell eröffnet.

11. September 1988
An der „Carl von Ossietzky“ Oberschule in Berlin Pankow wird eine Wandzeitung zur öffentlichen Meinungsäußerung der Schüler eingerichtet. Sechs Schüler nutzen diese zum Thema „Streiks in Polen, Friedenpolitik und neonazistische Erscheinungen in der DDR“ u. a. Nach einem Disziplinarverfahren werden sie der Schule verwiesen.

27. bis 29. September 1988
Honecker erklärt nach Gesprächen mit Michail Gorbatschow in Moskau die „Unterstützung für den Kurs der Erneuerung der sowjetischen Gesellschaft“.

24. bis 27. Oktober 1988

Bundeskanzler Helmut Kohl besucht die Sowjetunion. Damit beginnt der ungezwungene Dialog mit Michail Gorbatschow.

6. November 1988
Durch den Arbeitskreis „Konziliarer Prozess“ bei der Inneren Mission Zwickau wird zur Friedensdekade 1988 mit dem Thema „Friede den Fernen und Friede den Nahen“ aufgerufen.

7. November 1988
In der Friedensbibliothek wird eine Lesung aus dem Buch „Die Zeit drängt“ von C. F. v. Weizsäcker veranstaltet. Es wird über Gorbatschow, Perestroika und Glasnost diskutiert.

8. bis 11. November 1988
In Magdeburg findet die zweite Vollversammlung des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung statt.

9. November 1988

An der Martin-Hoop-Schule (jetzt Georgenschule am Poetenweg) in Zwickau wird eine Gedenktafel zur Verhaftung und Deportation Zwickauer Juden enthüllt.

10. November 1988
Teilnehmer der Friedensbibliothek führen anläßlich des 50. Jahrestages der Progromnacht 1938 einen Schweigemarsch vom Betsaal der ehemaligen jüdischen Gemeinde in der Bahnhofstraße zum jüdischen Friedhof durch. Sie nennen ihn: „Stationen der Buße – zum Gedenken der Juden in Zwickau“.

1989
 
11. Januar 1989

Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ verleumdet anlässlich eines Interviews in BRD-Medien in gewohnt unflätiger Weise Konsistorialrat Manfred Stolpe, Berlin. Ulrike und Denis Dressel aus Zwickau protestieren in einem Brief gegen den Medienmißbrauch durch die SED-Alleinherrscher.

14. Januar 1989

Elf Leipziger werden verhaftet, weil sie zu einer Demonstration zum Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1989 aufrufen.

15. Januar 1989

Bei der trotzdem durchgeführten Demonstration fordern mehrere hundert Personen in Leipzig das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Pressefreiheit. 80 Teilnehmer werden verhaftet.
Auf dem Wenzelsplatz in Prag versammeln sich einige tausend Bürger, um friedlich Jan Palachs zu gedenken, der sich 1968 aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts öffentlich verbrannte. Auf die Blumen der Demonstranten reagiert die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas.

16. Januar 1989
900 Teilnehmer kommen zum Friedensgebet in die Nikolaikirche von Leipzig.
Wieder finden sich spontan 8000 Bürger auf dem Wenzelsplatz zusammen. Die Zusammenkunft wird mit einem blutigen Polizeieinsatz aufgelöst. 16 Kundgebungsteilnehmer, darunter Vaclav Havel (führender Regimekritiker, nach der „Samtenen Revolution“ 1989 Präsident der Tschechoslowakei) und weitere Sprecher der Charta 77, werden inhaftiert.

21. Januar 1989
Im Lutherkeller von Zwickau wird eine Veranstaltungsreihe unter dem Namen „Nachtgebet – Konkret“ begonnen, die sich unter anderem auch brisanten Themen widmet, die sonst nicht öffentlich diskutiert werden.

12. März 1989
600 Ausreisewillige demonstrieren in Leipzig.

18. März 1989

Das 4. Nachtgebet-Konkret im Zwickauer Lutherkeller widmet sich dem Thema der Ausländerproblematik.

29. und 30. April 1989
In Dresden findet die 3. Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung statt.

1989

2. Mai 1989
Ungarn beginnt mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich. Die DDR reagiert mit Reisebeschränkungen.

7. Mai 1989
Bei den Kommunalwahlen in der DDR stimmen nach offiziellen Angaben 1,15 Prozent der Wähler gegen die Kandidaten der Einheitsliste; das sind mehr als je zuvor. Bei der Staatsanwaltschaft gehen 250 Anzeigen wegen Fälschung der Wahlergebnisse ein.

20. Mai 1989
Auf dem 9. Pädagogischen Kongress wird die Volksbildungspolitik trotz aller internen Warnungen erneut auf eine ideologisch harte Parteilinie festgelegt.
Im 6. Nachtgebet-Konkret geht es um Pflegenotstand.

3. bis 5. Juni 1989

Eine Demonstration chinesischer Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wird brutal niedergemetzelt.

5. Juni 1989
Im Lutherkeller von Zwickau treffen sich die Mitglieder der Gesprächsreihe „Nachtgebet – Konkret“  (Montagsstammtisch) und sprechen über die Problematik „Ausreise – warum und wohin“.
Das Neue Deutschland verteidigt das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

7. Juni 1989
Beginn monatlicher Proteste gegen Wahlmanipulation in Berlin.

10. Juni 1989
In Leipzig findet ein nichtgenehmigtes Straßenmusikfestival mit einer Demonstration in Leipzig statt. 100 Personen werden zugeführt. Unzählige werden bei der Reise nach Leipzig in „Schutzhaft“ genommen.

25. Juni 1989
In vielen Briefen an die chinesische Botschaft wird gegen Menschenrechts-verletzungen protestiert.
Die Zahl der Flüchtlinge über Ungarn steigt immer mehr.
 
6. bis 9. Juli 1989

Auf dem Kongress und Kirchentag zum Thema „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst“ in Leipzig werden in Arbeitsgruppen ökologische, gesellschaftliche und theologische Themen kritisch diskutiert.
Zum Schluß des Kirchentages in Leipzig demonstrieren spontan Jugendliche für mehr Demokratie nicht nur in China.
Stasi-Mitarbeiter versuchen Demonstranten in eine Straßenbahn zu zerren. Das Gleis wird blockiert – die Stasi hat verloren.

24. Juli 1989
In Niederndodeleben bei Magdeburg gründet sich eine Initiativgruppe zur SDP-DDR.
Immer mehr Menschen nehmen Zuflucht in der Botschaft der BRD in Ungarn und der Ständigen Vertretung in Ostberlin.

1989

8. August 1989
Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin wird wegen des Ansturms von Ausreisewilligen geschlossen.

12. August 1989

Einen Tag vor dem 28. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlicht das „Neue Deutschland“ einen Artikel, in dem es heißt: „Die Mauer wird nicht niedergelegt, solange die Bedingungen weiterbestehen, die zu ihrer Errichtung führten, und solche Bedingungen bestehen weiter“.

14. August 1989

Auch die BRD-Botschaft in Budapest muß wegen Überfüllung schließen.

18. August 1989

Das „Neue Deutschland“ verteidigt in einem Kommentar zum bevorstehenden 21. Jahrestag des Einmarschs von fünf Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR diesen Vorgang als einzigen Weg, mit dem „der Sozialismus geschützt und eine Veränderung des politischen und militärischen Kräfteverhältnisses zugunsten des Imperialismus verhindert“ worden sei.

19. August 1989

In einer spektakulären Aktion gelangen 661 DDR-Bürger durch ein offenes Tor von Ungarn nach Österreich.

22. August 1989
Die Freie Presse berichtet über einen Brief aus Stuttgart gegen DDR-„Nestbeschmutzer“.

22. und 23. August 1989

Die Botschaft in Prag schließt wegen totaler Überfüllung durch Flüchtlinge aus der DDR ihre Pforten.

25. August 1989

Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher empfangen den ungarischen Ministerpräsidenten Nemeth und Außenminister Horn zu einem Gespräch über das Flüchtlingsproblem.

29. August 1989

In die anhaltende Sprachlosigkeit der DDR-Führung hinein meldet sich Erich Honecker. Im „Neuen Deutschland“ bedankt er sich für die guten Wünsche zu seinem 77. Geburtstag, den er vier Tage vorher beging.

31. August 1989
In der Moritzkirche wird der Autor des Buches „Der vormundschaftliche Staat“, Rechtsanwalt Rolf Henrich, zu einer Lesung erwartet.
Da er nicht anreist, lesen Susanne Trauer und Erwin Killat Auszüge aus dem Werk. Unter den ca. 1.000 Besuchern befinden sich durch die Stasi beauftragte Vertreter staatlicher Dienststellen.

1. September 1989

In der Friedensbibliothek warten Interessierte vergeblich auf den Berliner Ibrahim Böhme als Referent zur „Geschichte des Kriegsbeginns 1939“. Martin Böttger referiert aus dem Stehgreif zum Thema. Damit ist die Veranstaltung zum 1-jährigen Bestehen der Friedensbibliothek gerettet.

1. September 1989

Die evangelische Kirchenleitung der DDR fordert vom Staatsrat Möglichkeiten für offene Diskussion, Information, politische Veränderungen und Reiseerleichterung.

4. September 1989
Auf dem Leipziger Nikolaikirchhof demonstrieren zum erstenmal Menschen „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. In Böhlen gründet sich die „Vereinigte Linke“.

10. September 1989
Im Haus von Robert Havemann in Grünheide bei Berlin formuliert eine Gruppe von Bürgerrechtlern den Gründungsaufruf des „Neuen Forum“.
Die ungarische Regierung gibt bekannt, daß ab 0 Uhr des 11.09.1989 DDR-Bürger, die sich in Ungarn aufhalten, in ein Land ihrer Wahl ausreisen können.

11. September 1989
Eine gewaltige Flüchtlingswelle rollt von Ungarn über Österreich nach Bayern.
Bei der Montagsdemonstration in Leipzig beteiligen sich vor allem „Hierbleiber“. Erneut werden wieder viele Menschen festgenommen.
 
12. September 1989
Mitglieder des konziliaren Prozesses diskutieren in der Friedensbibliothek den Gründungsaufruf des „Neuen Forum“. Der Text wird vervielfältigt und verteilt.
In Berlin erscheint der Gründungsaufruf zu „Demokratie Jetzt“, gleichzeitig wird das Flugblatt „Aufruf zur Einmischung in eigener Sache“ veröffentlicht.

14. September 1989

Täglich flüchten mehr Menschen in die Botschaften der BRD in Warschau und Prag. Ihre Lage wird immer komplizierter.

18. September 1989
Bärbel Bohley beantragt in Berlin beim Ministerium des Innern die offizielle Zulassung des „Neuen Forum“.
Bei der Demonstration in Leipzig werden erstmalig Polizeiketten vor der Nikolaikirche postiert. Wieder werden ca. 100 Personen festgenommen.

19. September 1989

Vertreter des „Neuen Forum“ beantragen in elf Bezirken die offizielle Zulassung als Vereinigung – Dr. Martin Böttger für den Bezirk Karl-Marx-Stadt.

21. September 1989

Das Innenministerium teilt über ADN mit, daß das „Neue Forum“ verfassungs- und staatsfeindlich sei, und daß „keine gesellschaftliche Notwendigkeit“ für diese Vereinigung besteht.

22. September 1989
Das „Neue Forum“ reagiert auf diese Mitteilung mit einer Erklärung, in der die unbeirrte Weiterarbeit der Bürgerbewegung bekräftigt wird.

25. September 1989
5.000 Menschen demonstrieren in Leipzig für Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit und gegen das Verbot des „Neuen Forum“.

26. September 1989
In der Prager Botschaft der BRD versucht Rechtsanwalt Vogel die mehr als tausend ausreisewilligen DDR-Bürger zur Rückkehr zu bewegen. Eine geringe Zahl läßt sich überzeugen.

28. September 1989
Rechtsanwalt Vogel spricht mit den Flüchtlingen in Warschau mit ähnlichem Erfolg. Den Rückkehrern sagt Vogel zu, binnen sechs Monaten in die BRD ausreisen zu können.
 
30. September 1989
Der Außenminister der BRD, Genscher, verkündet vor 7.000 jubelnden Flüchtlingen in der Prager Botschaft, daß Sie mit Zustimmung der DDR ausreisen könnten.

1989

1. Oktober 1989
In Berlin gründet sich die Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch“ um Pfarrer Rainer Eppelmann.

2. Oktober 1989
In Leipzig gehen über 20.000 Menschen für Reformen in der DDR auf die Straße. Die Demonstration wird gewaltsam von der Polizei beendet.

3. Oktober 1989
Die DDR schließt die Grenze zur CSSR.
Der Rat des Bezirkes teilt in einem persönlichen Gespräch Dr. Martin Böttger mit, daß das „Neue Forum“ nicht zugelassen wird. Anschließend plant Martin Böttger interessierte Bürger in Karl-Marx-Stadt zu informieren. Weil der vorgesehene Gemeinderaum beim Superintendenten die Menge nicht faßt, wird dieses Treffen spontan in die Johanniskirche verlegt.

4. Oktober 1989
Auf dem Dresdener Hauptbahnhof versammeln sich mehrere tausend Menschen, weil in dieser Nacht Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag die Stadt passieren. Sicherheitskräfte besetzen den Bahnhof. Die Situation gerät außer Kontrolle – Pflastersteine fliegen. Die Sicherheitskräfte setzen Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. Bahnhofsbesetzer und Reisende werden wahllos verhaftet. In den folgenden Tagen kommt es zu Protestdemonstrationen.

7. Oktober 1989

Der 40. Jahrestag der Gründung der DDR wird mit einer Parade der Nationalen Volksarmee in Berlin festlich begangen. Die Repräsentanten der sozialistischen Bruderländer sind angereist. Nach der Festlichkeit findet ein „Ausführlicher Meinungsaustausch“ zwischen Erich Honecker und Michail Gorbatschow statt. In einem Interview mit Journalisten sagt Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.
In einigen Städten der DDR, unter anderem in Plauen, kommt es zu öffentlichen Bekundungen für mehr Demokratie und Reisefreiheit. Ordnungskräfte greifen mit ungewohnter Brutalität ein.
In Schwante (Bezirk Potsdam) wird die SPD der DDR gegründet. Vorsitzender wird Ibrahim Böhme.

8. Oktober 1989
Die erneute Protestdemonstration in Dresden droht zu eskalieren. Ein Riesenaufgebot von Stasi und Polizei steht bereit. Nach Gesprächszusage vom Rat der Stadt wird die Demonstration friedlich abgebrochen.
In der Michaeliskirche in Leipzig findet die erste öffentliche Veranstaltung des „Neuen Forum“ statt.
In den Abendstunden demonstrieren in Berlin tausende Menschen; erneut kommt es zu gewaltsamen Auflösungen und Festnahmen.

9. Oktober 1989

In Leipzig demonstrieren nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche und anderen Gotteshäusern etwa 70.000 Menschen für Reformen. Das Gesprächsangebot der „Sechs von Leipzig“ wird in den Kirchen und über den Stadtfunk verlesen. Es ist der Tag der Entscheidung. Gibt es Gewalt oder nicht?

10. Oktober 1989
Das Landeskirchenamt Dresden fordert in einem Schreiben an die Räte der Bezirke die Freilassung der Festgenommenen.
Mitglieder der Friedensbibliothek beschließen, am 16. Oktober in St. Marien das erste Ökumenische Friedensgebet zu veranstalten.

11. Oktober 1989
Der SED-Chefideologe Kurt Hager bezeichnet sich in Moskau als „Erfinder des Dialogs“ und befürwortet die Erneuerungen in der Republik.

12. Oktober 1989
In Berlin gibt das „Neue Forum“ eine Stellungnahme zu den neuesten Verlautbarungen des Politbüros der SED ab. Dies ist ein Aufruf zu einem echten Dialog.

13. Oktober 1989

Fast alle bei Demonstrationen festgenommenen Personen werden freigelassen.
Zwischen Oberbürgermeister Heiner Fischer und den Superintendenten Günter Mieth und Friedemann Walther findet ein Meinungsaustausch zur Zwickauer Situation statt.

15. Oktober 1989

In der Berliner Erlöserkirche führten zahlreiche Musiker und Künstler ein Benefizkonzert für die Opfer der Polizeiübergriffe durch. Für den 4. November wird zu einer Demonstration aufgerufen.

16. Oktober 1989
In Zwickau findet das erste Ökumenische Friedensgebet im Dom St. Marien statt. Für die Montage danach werden weitere vereinbart. In Leipzig gehen 120.000 Menschen für Reformen auf die Straße. Sogar ADN muß über die bisher größte Demonstration berichten.
In Potsdam kommt es zu einem ersten Gespräch zwischen Vertretern des „Neuen Forum“ sowie Repräsentanten der Stadt und der SED.

18. Oktober 1989

Nach 18jähriger Herrschaft tritt Staats- und Parteichef Erich Honecker „aus gesundheitlichen Gründen“ zurück. Nachfolger Egon Krenz wird in den Medien vorgestellt. Gleichzeitiger Rücktritt von Günter Mittag und Joachim Hermann.

20. Oktober 1989

Die neue Führung kündigt neue Reisegesetze an.

21. Oktober 1989
Im Lutherkeller von Zwickau wird das siebente „Nachtgebet – Konkret“ durchgeführt. Das Thema lautet: „Aufbruch jetzt! – Aber wie?!

23. Oktober 1989

Das zweite Ökumenische Friedensgebet in Zwickau findet in der Lutherkirche mit etwa 1.500 Teilnehmern statt. Die anschließende Demonstration verläuft friedlich bis zum Rathaus. Auf dem Marktplatz wird eine Kundgebung durchgeführt. Es erfolgt die erste offizielle Bekanntgabe in der „Freien Presse“.

24. Oktober 1989

Die DDR-Volkskammer tritt zusammen. Sie wählt Egon Krenz zum neuen Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates. In der Berliner Innenstadt protestieren bis zu 12.000 Demonstranten gegen die Krenz-Wahl und für mehr Demokratie.
In Zwickau verteilen Vertreter des Neuen Forums in der Nacht Flugblätter, in denen die Anmeldung des Kreisverbandes des Neuen Forums am Folgetag 16.00 Uhr im Rathaus angekündigt wird.

25. Oktober 1989

Die SED organisiert deshalb schnell eine Kundgebung für 15.30 Uhr, ebenfalls vor dem Rathaus, zur Unterstützung von Egon Krenz.
Ein Vertreter des Neuen Forums aus Zwickau, Roland Frenzel, nutzt die Gelegenheit und verliest auf dem Rathausbalkon unter dem Beifall der Sympathisanten den Gründungsaufruf des Neuen Forums vom 10. September 1989.

26. Oktober 1989

Die staatlichen Organe versuchen in mehreren Städten der Republik mit den Menschen und dem „Neuen Forum“ Kontakt zu knüpfen.

27. Oktober 1989

Der Staatsrat der DDR beschließt eine Amnestie für jene Personen, die vor dem 27. Oktober 1989 das Land verlassen haben. Ausgenommen von dieser Regelung sind Personen, die Gewaltverbrechen begangen haben.
Der Ministerrat hebt die zeitweilige Aussetzung des pass- und visafreien Reiseverkehrs für Bürger der DDR nach der CSSR ab 1. November 1989 auf.
 
29. Oktober 1989
In Berlin beginnen die „Sonntagsgespräche“ unter dem Motto „Offene Türen – offene Worte“. Bei Bürgerforen in Karl-Marx-Stadt wird mitgeteilt, dass ab 1. Januar 1990 alle Umweltdaten öffentlich gemacht werden.
Auf einer konstituierenden Versammlung wählen 200 Vertreter des „Demokratischen Aufbruchs“ den Rostocker Rechtsanwalt Wolfgang Schnur zum Vorsitzenden und beschließen, ihre Gruppe im kommenden Jahr als Partei zu gründen.

30. Oktober 1989
In Zwickau findet das dritte Friedensgebet in der Pauluskirche statt. Anschließend formieren sich etwa 10.000 Bürger zu einem Demonstrationszug, der auf dem Hauptmarkt mit dem Ruf: „Kommt heraus!“ den ersten Dialog im Ort fordert.
In einer Live-Schaltung berichtet die „Aktuelle Kamera“ über die mehr als 20.000 demonstrierenden Leipziger.

31. Oktober 1989

Bei einer Wittenberger Demonstration heften die Menschen ihre Forderungen in Gestalt von sieben Thesen an die Rathauspforte.
Die im Oktober 1988 relegierten Schüler der EOS „Carl von Ossietzky“ können ihre Ausbildung fortsetzen.

1989

1. November 1989
Egon Krenz trifft in Moskau mit Michail Gorbatschow zu einem „völlig übereinstimmenden“ Gespräch zusammen.

2. November 1989
Der Ministerrat entbindet die „Ministerin für Volksbildung“ Margot Honecker vom Amt.
Harry Tisch tritt von seinem Posten als Vorsitzender des FDGB zurück.
Mehrere Vorsitzende von Parteien oder Sekretäre der SED-Bezirksleitung treten in vielen Städten zurück.

3. November 1989
Die Politbüromitglieder Herrmann Axen, Kurt Hager, Erich Mielke, Erich Mückenberger und Alfred Neumann geben ihre Ämter ab.

4. November 1989
Erste genehmigte Großdemonstration in Berlin. Fast 1 Million Menschen versammeln sich auf der Straße. 30 Redner fordern auf der Kundgebung wirkliche Reformen in der DDR, Demokratie und freie Wahlen.
Die CSSR lässt DDR-Bürger ohne Formalitäten über ihre Grenzübergangsstellen in den Westen ausreisen. 50.000 Menschen aus der DDR nutzen diesen Weg.
 
6. November 1989
In Zwickau wird das vierte Ökumenische Friedensgebet im Dom St. Marien, in der Nepomukkirche und in der Katharinenkirche durchgeführt. Anschließend versammeln sich etwa 14.000 Bürger vor dem Rathaus und fordern einen Dialog. Der Oberbürgermeister Heiner Fischer und Mitglieder des Rates der Stadt stellen sich den Demonstranten zum Gespräch. In der DDR-Presse wird ein Entwurf zum „Reisegesetz“ veröffentlicht.
In Berlin wird zur Gründung einer „Grünen Partei“ aufgerufen.

7. November 1989

Die DDR-Regierung unter Willi Stoph tritt geschlossen zurück, führt aber die Geschäfte bis zu einer Neuwahl weiter.

8. November 1989
Das Politbüro tritt auf der 10. Tagung des ZK der SED zurück.
Seit Öffnung der Grenze Ungarns zu Österreich am 11. September 1989 haben fast 100.000 Menschen die DDR verlassen.

9. November 1989

Der Rat des Kreises Zwickau bestätigt die Anmeldung des Neuen Forums vom 25. Oktober 1989 im Rathaus.
Der Ministerrat beschließt mit sofortiger Wirkung die Ausreisemöglichkeit für alle DDR-Bürger nach allen Ländern. Diese Nachricht löst einen Sturm auf die Berliner Mauer aus. Ein Volksfest ohnegleichen wird gefeiert.

10. November 1989
Vor dem Westberliner Rathaus Schöneberg finden sich zehntausende zu einer Kundgebung zusammen. Die wichtigsten Redner sind: Bürgermeister W. Momper, Willy Brandt, Außenminister H.-D. Genscher, Bundeskanzler H. Kohl. Der amtierende Innenminister F. Dickel teilt in einer Fernsehansprache mit, dass die neue Reiseregelung der DDR dauerhaft sei.

11. November 1989

Bei der Einreise in die BRD bilden sich kilometerlange Staus. Eine Million Menschen überschreiten die Grenze.

13. November 1989

Hans Modrow, SED, wird zum neuen Ministerpräsidenten der DDR gewählt.
In Zwickau wird das fünfte Ökumenische Friedensgebet in der Friedenskirche und in der Moritzkirche durchgeführt. Anschließend bildet sich ein Demonstrationszug aus etwa 10.000 Teilnehmern, der am Gebäude der Staatssicherheit vorbeizieht und Reformen sowie eine unumkehrbare Erneuerung fordert.
 
14. November 1989
Die „Friedensdekade 1989“ bis zum 22. November 1989 bietet viele Veranstaltungen an.

15. November 1989
Nach Mitteilung des Innenministeriums sind seit dem 9. November 1989 7,7 Mill. Visa an DDR-Bürger ausgegeben worden.

16. November 1989

Immer mehr Menschen fahren mit Auto und Bahn in die BRD und nehmen das Begrüßungsgeld in Anspruch.

17. November 1989

Das Ministerium für Staatssicherheit wird in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt.

18. November 1989
Das 8. Nachtgebet-Konkret im Zwickauer Lutherkeller hat das Thema „Weltverantwortung jetzt“.
In Berlin wird die „Grüne Liga“ gegründet. An diesem Wochenende besuchen 3 Millionen DDR-Bürger die BRD.

20. November 1989
In Zwickau formieren sich nach den Friedensgebeten in der Lutherkirche und im Dom St. Marien mehrere tausend Bürger zu einem Schweigemarsch, der unter dem Motto steht: „Wir brauchen keinen Vormund!“.

22. November 1989
Das Politbüro bietet Gespräche am Runden Tisch an.

23. November 1989
In Werdau wird beschlossen, einen „Werdauer Christenrat“ zu bilden. DDR-Bürger dürfen künftig auch ohne Ausreisevisum in jedes Land ihrer Wahl fahren.

24. November 1989
Die „Grüne Partei der DDR“ gründet sich.

27. November 1989

In Zwickau wird das siebente Ökumenische Friedensgebet in der Friedenskirche und der Moritzkirche durchgeführt.

1989

1. Dezember 1989
Die Volkskammer streicht den Führungsanspruch der SED aus der DDR-Verfassung.

3. Dezember 1989
Das Zentralkomitee und das Politbüro mit Egon Krenz an der Spitze treten geschlossen zurück.
Auf Initiative des Neuen Forum bilden Millionen Menschen eine Menschenkette durch die DDR – „Ein Zeichen der Hoffnung und Entschlossenheit für die demokratische Erneuerung unseres Landes“.

4. Dezember 1989

Das 8. Ökumenische Friedensgebet findet in der Zwickauer Pauluskirche statt. Im Anschluss findet  eine Demonstration zum Zwickauer Hauptmarkt statt, zu der im Friedensgebet aufgerufen wurde.

5. Dezember 1989
Lothar de Maiziére spricht in der Lutherkirche in Zwickau. Die Kampfgruppenbewaffnung wird an das Innenministerium übergeben.

6. Dezember 1989

Egon Krenz tritt als Staatsratsvorsitzender und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates zurück. Manfred Gerlach (LDPD) übernimmt den amtierenden Vorsitz im Staatsrat.

7. Dezember 1989
Die fünf ehemaligen Blockparteien und sieben Oppositionsgruppen treffen sich am Runden Tisch. Sie beschließen, das „Amt für Nationale Sicherheit“ aufzlösen. Der 6. Mai wird als Termin für die ersten freien Wahlen empfohlen.

8. Dezember 1989
In Ost-Berlin beginnt der vorgezogene Parteitag der SED. Rechtsanwalt Gregor Gysi wird zum Parteivorsitzenden gewählt.

11. Dezember 1989
In Zwickau findet das neunte Ökumenische Friedensgebet in der Lutherkirche statt. Danach ruft das Neue Forum zu einer Demonstration unter dem Motto „Gegen dunkle Geschäfte, für rückhaltlose Aufklärung aller Vorfälle, für eine basisdemokratische Perspektive unseres Landes“ auf.

13. Dezember 1989

Im Haus der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft in Zwickau erfolgt die konstituierende Sitzung des Neuen Forums mit der Wahl eines Sprecherrates.

14. Dezember 1989

Das Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) wird aufgelöst.
 
15. Dezember 1989
Die SED beschließt eine Namensänderung. Künftig wird die Partei „SED-PDS“ heißen: Sozialistische Einheitspartei Deutschland – Partei des Demokratischen Sozialismus.
Unter dem Leitgedanken „Erneuerung und Zukunft“ wird der zweitägige Sonderparteitag der CDU der DDR eröffnet.

16. und 17. Dezember 1989

Gründungsparteitag des „Demokratischen Aufbruch“ in Leipzig.
In Karl-Marx-Stadt findet die erste Bezirksversammlung des „Neuen Forum“ statt.
Die Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch“ konstituiert sich zu einer Partei und wählt Rechtsanwalt Wolfgang Schnur zu ihrem Vorsitzenden.

18. Dezember 1989

In Zwickau findet das zehnte Ökumenische Friedensgebet im Dom St. Marien statt. Anschließend beteiligen sich etwa 4.000 Bürger der Stadt und des Landkreises an einem Schweigemarsch zum „Gedenken für die Opfer der Gewalt und geistiger Unterdrückung unter stalinistischer Herrschaft“.

19. Dezember 1989
Helmut Kohl trifft in Dresden Ministerpräsident Hans Modrow zu Beratungen. Sie beschließen die Bildung einer Vertragsgemeinschaft zwischen beiden Staaten.
Zur ersten Zusammenkunft am Runden Tisch unserer Stadt im Domgemeindehaus stehen eine Vielzahl von Themen auf der Tagesordnung. 1. Diskussion über ordentliche Arbeitsbedingungen für alle Parteien und Gruppierungen; 2. Fragen in Zusammenhang mit der Tagespresse und 3. Probleme des Umweltschutzes.

22. Dezember 1989

Das Brandenburger Tor in Berlin wird für Fußgänger geöffnet.

28. Dezember 1989

Aus Vertretern aller Jugendverbände und Jugendorganisationen konstituiert sich der „Runde Tische der Jugend“.

31. Dezember 1989
Im Jahr 1989 gingen 343.854 DDR-Bürger in die BRD.
Hundertausende Berliner und Gäste feiern die Silvesternacht am Brandenburger Tor auf beiden Seiten der Stadt.
 

1990
 
2. Januar 1990

Die zweite Beratung des „Runden Tisches“ findet in der Friedenskirche, Lessingstraße, statt. Es wird u. a. über das Grundstück des Kreisvorstandes der SED-PDS in der Kopernikusstraße diskutiert.

8. Januar 1990
Das erste Ökumenische Friedensgebet im Jahr 1990 findet in der Zwickauer ev.-meth. Friedenskirche statt. Von der Friedenskirche aus formiert sich ein Zug durch die Stadt, der auf dem Hauptmarkt mit einer Kundgebung zum Thema „Gegen Vorherrschaft und Radikalismus – gleiche Chancen für alle demokratischen Kräfte bei freien Wahlen“ endet.

14. Januar 1990
Zwickauer Bürger und Einwohner des Landkreises demonstrieren vom Hauptmarkt aus zu einer Kundgebung gegen Neofaschismus am Rosa-Luxemburg-Denkmal. Hierzu erging der Aufruf von der SED-PDS, dem Kreiskomitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer und der FDJ.

15. Januar 1990
Das 11. Ökumenische Friedensgebet findet in der Zwickauer Moritzkirche statt. Die anschließende Kundgebung auf dem Hauptmarkt richtet sich gegen die Restaurationspoitik der SED und ihres Sicherheitsapparates.

16. Januar 1990
Bürgerforderungen bestimmen die Tagesordnung der 3. Beratung des Runden Tisches in der röm-kath. Kirche. Es wird die Frage gestellt, ob unsere Stadt weiterhin mit einer Kokerei leben kann. Weiterhin wird informiert, daß das Stasi-Kreisamt völlig aufgelöst wurde.

17. Januar 1990

Bundeskanzler Kohl spricht in Paris über die europäischen Folgen der deutschen Einheit.
Im Domgemeindehaus trifft sich der Runde Tisch der Jugend zu seiner 2. Beratung. Themen sind: Vorstellungen der Jugend über Veränderungen im Bildungswesen und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

18. Januar 1990

„freie presse“ unabhängig – unter dieser Schlagzeile informieren Redaktion und Verlag ihre Leser über den Schritt der endgültigen Trennung vom bisherigen Herausgeber, der SED-PDS.

22. Januar 1990

Am Vormittag münden nicht geklärte Probleme zwischen Schülern und Lehrern in eine spontane Demonstration.
Nach dem Friedensgebet in der Katharinenkirche und in St. Nepomuk versammeln sich 30.000 Bürger der Stadt Zwickau und des Landkreises auf der Straße und ziehen vor das August-Bebel-Werk. Sie bringen ihre Meinung zum Thema „Für unsere Umwelt“ in Sprechchören, auf Plakaten sowie vor dem Mikrofon zum Ausdruck.
Diese Veranstaltung bleibt die größte Zwickauer Demonstration im Verlauf der Friedlichen Revolution.

27. und 28. Januar 1990
In Berlin wird endlich die längst fällige offizielle Gründungsveranstaltung des Neuen Forum durchgeführt. Der Rundfunk und das Fernsehen berichten.

29. Januar 1990
Tausende Bürger treffen sich zur Montags-Demo nach dem Friedensgebet in der Pauluskirche. Die Kundgebung auf dem Hauptmarkt Zwickau hat u. a. das Thema: „Neues Forum – Neue Hoffnung“. Sprechchöre bekräftigen die Forderung nach der Einheit Deutschlands.

1990

1. Februar 1990
Im Januar verließen etwa 58.000 DDR-Bürger ihre Heimat in Richtung BRD.

4. Februar 1990
In Berlin findet der Gründungsparteitag der Freien Demokratischen Partei (F.D.P.) als Nachfolgepartei der LDPD statt. Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff nehmen daran teil.

5. Februar 1990

Nach dem 15. Ökumenischen Friedensgebet in der Pauluskirche und der Demonstration durch die Stadt versammeln sich wieder tausende Bürger von Zwickau und des Landkreises zur Kundgebung am Montagabend auf dem Zwickauer Hauptmarkt. Zum Thema „Wer vertritt wen“ – Marktwirtschaft, Gewerkschaft, Betriebsräte“ äußern 10 Redner vor dem Mikrofon ihre Gedanken und fordern immer wieder starke und unabhängige Industriegewerkschaften als Interessenvertreter der Werktätigen. Der Runde Tisch der Jugend hat sich zu einer „Sonderrunde“ zusammengefunden. In der 4. Beratung wird als einziger Tagesordnungspunkt die Entwicklung der weiteren Zusammenarbeit mit dem Stadtjugendring Dortmund beraten.

6. Februar 1990
Die wichtigsten Themen der 4. Beratung des Runden Tisches im Domgemeindehaus sind: Umfassende Vorbereitungen zur Volkskammerwahl am 18. März, aktuelle Fragen der schnelleren Entwicklung eines demokratischen Bildungswesens.

7. Februar 1990
Die Bürgerbewegungen „Neues Forum“, „Demokratie Jetzt“ und „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ schließen sich für die Volkskammerwahlen im März 1990 zum Wahlbündnis unter dem Namen „Bündnis 90“ zusammen.

9. Februar 1990
Eine Abordnung von Kommunalpolitikern und Journalisten aus der Partnerstadt Zaanstad besucht Zwickau. Die Partnerstadt Dortmund und das Land Nordrhein-Westfalen stellen 3 Millionen DM für die Lösung dringender kommunaler Aufgaben zur Verfügung.

10. Februar 1990
Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher fahren nach Moskau und erhalten die grundsätzliche Zusicherung Michail Gorbatschows an die Deutschen, in einem Staat leben zu können.

12. Februar 1990
 „Auf dem Weg in die künftige Einheit – Fragen, Probleme, Chancen einer neuen Bildungspolitik“ lautet das Kundgebungsthema nach dem 16. Ökumenischen Friedensgebet in der Lutherkirche. Als Gast ist der Bürgermeister aus Zaanstad anwesend.

17. Februar 1990

Erstmals erscheint die Zeitung „Sachsenpost“.

19. Februar 1990

Nach dem Friedensgebet in der Moritzkirche formiert sich wieder ein Demonstrationszug zum Zwickauer Hauptmarkt, wo bereits Parteien Werbematerialien vom Flugblatt bis zum Luftballon für den Wahlkampf verteilen.
Der WDR überträgt live. Die Forderung lautet: „Bleibt hier, die Heimat ist es wert!“.

20. Februar 1990
Die 5. Beratung des Runden Tisches findet in der Ev.-meth. Friedenskirche statt. Es werden konkrete Vorschläge für die Dortmunder 3-Millionen-Hilfe abgegeben.

22. Februar 1990
Die Abgeordneten unseres Stadtparlamentes Zwickau kommen im „Lindenhof“ zu ihrer 4. Tagung zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Geschäfte bis zur Wahl.

23. Februar 1990
Auf dem ersten DDR-Parteitag der SPD werden Ibrahim Böhme zum neuen Vorsitzenden und Willy Brandt zum Ehrenvorsitzenden gewählt.
Abends findet auf dem Zwickauer Hauptmarkt eine Wahlkundgebung der SPD mit Willy Brandt als Hauptredner statt.

25. Februar 1990
Seit dem Jahresbeginn sind ca. 100.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik ausgereist.
 
26. Februar
1990
Wetterbedingt wurde nach dem 18. Ökumenischen Friedensgebet in der Lutherkirche auf die traditionelle Demonstration und Kundgebung verzichtet.

28. Februar 1990
Auf dem Zwickauer Hauptmarkt spricht Bundesminister Wolfgang Schäuble auf einer Wahlveranstaltung der „Allianz für Deutschland“, einem Zweckbündnis aus CDU, DSU und DA.

1990

5. März 1990
Hans Modrow reist mit einer Delegation nach Moskau zu Gesprächen mit Michail Gorbatschow.
Das 19. Ökumenische Friedensgebet in der Friedenskirche orientiert bereits auf den Abschluss dieser – neben den Demonstrationen – bedeutsamsten Veranstaltungsreihe der Friedlichen Revolution. Die Gewerkschaften der Stadt und des Kreises rufen zu einer Protestkundgebung auf, die auf dem Hauptmarkt stattfindet. Es wird ein Umtauschkurs von 1:1 für Löhne, Renten und Sparguthaben gefordert.

6. März 1990
Tausende Bürger der Stadt Zwickau und aus umliegenden Kreisen besuchen in den Abendstunden eine Wahlkundgebung der DSU auf dem Hauptmarkt. Die Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Max Streibl steht ganz im Zeichen der Einheit Deutschlands.
Der 6. Runde Tisch im Gemeindehaus der Röm.-kath. Kirche fasst einen entscheidenden Beschluss für die Bürger der Stadt: Die Kokerei „August Bebel“ wird bis 1993 schrittweise stillgelegt.

7. März 1990
Im Klubhaus „7. Oktober“ spricht in den Abendstunden Günter Samtlebe, Oberbürgermeister von Dortmund, zu Fragen der sozialen Sicherung in der Marktwirtschaft.
Der Landesvorsitzende der CDU von Westberlin, Eberhard Diepgen, spricht am Abend auf dem Zwickauer Hauptmarkt.

10. März 1990
„SPD zum Anfassen“ ist das Motto der Wahlkundgebung auf dem Zwickauer Hauptmarkt.
Johannes Rau, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, kommt auf der Kundgebung zu Wort.

12. März 1990
Beim 16. und letzten zentralen Runden Tisch in Berlin wird der Entwurf einer neuen Verfassung der DDR diskutiert, die am 17. Juni in einem Volksentscheid angenommen werden soll.
Das 20. Ökumenische Friedensgebet findet in der Katharinenkirche statt. Es ist der Abschluss der ökumenischen Friedensgebete, die in den letzten Monaten in unserer Stadt in gemeinsamer Verantwortung von unabhängigen Gruppierungen und Kirchgemeinden gehalten wurden. Das Kundgebungsthema heißt: Am Montag vor der Wahl!

13. März 1990

In Bonn werden die Zwei-plus-Vier-Gespräche aufgenommen, die die deutsche Einheit zum Inhalt haben. Daran beteiligen sich die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und beide deutsche Staaten.
„Jetzt red i“, heißt es 18.00 Uhr im Klubhaus 7. Oktober. Das Bayerische Fernsehen ist zu Gast in der Stadt. Zwickauer Bürger nehmen in dieser Fernsehdiskussion das Wort zu dringenden Problemen. Forderung am 6. Runden Tisch der Jugend: Windberglager den Kindern erhalten! Die Vertreter Zwickauer Jugendorganisationen treffen sich diesmal im Lutherkeller. Der Vorsitzende des „Demokratischen Aufbruch“ Wolfgang Schnur tritt zurück.

18. März 1990
Die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR finden statt. Klarer Sieger ist auch in Zwickau die „Allianz für Deutschland“.

20. März 1990

Auf seiner 7. Beratung beschließt der Runde Tisch, seine Arbeit bis zur Kommunalwahl am 6. Mai fortzusetzen. Außerdem wird auf der Sitzung die Volkskammerwahl ausgewertet. Damit ist eine wichtige Etappe der Umgestaltung in unserem Lande abgeschlossen.

1990

3. April 1990
Die 8. Beratung des Runden Tisches findet im Gemeindehaus der Röm.-kath. Kirche statt. Es wird u. a. über das Arbeitsbeschaffungsprogramm Sachsenring, sowie über die Situation des Arbeitsamtes diskutiert.

5. April 1990
Lothar de Maiziére (CDU) erhält von der ersten frei gewählten Volkskammer den Auftrag zur Regierungsbildung.
In zahlreichen Städten der DDR finden Protestdemonstrationen statt, auf denen ein Umtauschkurs der DDR-Mark im Verhältnis 1:2 zur D-Mark unter Kritik genommen wird.
 
17. April 1990

Bei der 9. Beratung des Runden Tisches in der Friedenskirche wird über die Arbeit der Deutschen Post sowie über die Hilfestellung für ausländische Mitbürger beraten.

18. April 1990

Das „Friedenszentrum Zwickau“ wird als gemeinnütziger Verein gegründet.

19. April 1990
Im Jugendclub Hauptstraße findet die 8. Beratung des Runden Tisches der Jugend in Zwickau statt.

28. April 1990

Der Sondergipfel der EG-Staaten in Dublin begrüßt die Vereinigung Deutschlands als „positiven Faktor“ für Europa und macht damit den Weg frei für die endgültige Vorbereitung der Deutschen Einheit.

1. Mai 1990
Zum einhundertsten „1. Mai“ in der Geschichte hat in Zwickau der DGB zur Kundgebung auf dem Hauptmarkt aufgerufen.

2. Mai 1990

Auf seiner 10. und letzten Beratung diskutiert der Runde Tisch der Stadt Zwickau folgende Themen: Grundstücksfragen, Umweltfragen sowie personelle Absicherung der Kommunalwahl am 6. Mai 1990.

3. Mai 1990
Der Zwickauer Jugendring konstituiert sich als einer der ersten in der DDR. Er geht aus der zielgerichteten Arbeit von 14 am Runden Tisch der Jugend vertretenen Jugendorganisationen hervor.

6. Mai 1990
Die ersten freien Kommunalwahlen finden statt. Stärkste Kraft wird die CDU.

18. Mai 1990
Der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion wird durch die Finanzminister Waigel und Romberg in Bonn unterzeichnet.

21. Mai 1990
Der dreimillionste bei Sachsenring produzierte Trabant verläßt die Endmontage Mosel. Gleichzeitig läuft der erste VW Polo vom Band. Der Jubiläumstrabi ist der Offizielle Auftakt für die Serienfertigung des Trabant 1.1.

28. Mai 1990

Mit einem einstündigen Warnstreik protestieren die Sachsenring-Automobilbauer gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze.

30. Mai 1990
Auf der ersten Tagung der neuen Stadtverordnetenversammlung wird Rainer Eichhorn (CDU) zum Oberbürgermeister gewählt.

7. Juni 1990
Nachdem in den Revolutionsmonaten nichts von ihnen zu sehen war, gehen Studenten der Zwickauer Hoch- und Fachschulen auf die Straße. Sie demonstrieren auf dem Hauptmarkt für die Erhöhung der Grundstipendien, günstige Tarife in öffentlichen Verkehrsmitteln und niedrige Wohnheimmieten.

1990

1. Juli 1990
Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion tritt in Kraft. In Zwickau werden an diesem Tag 26,5 Millionen DM ausgezahlt.

31. August 1990
Der Bundesinnenminister der BRD, Wolfgang Schäuble, und DDR-Staatssekretär Günter Krause unterzeichnen in Berlin den Einigungsvertrag.

3. Oktober 1990
Zwickau begeht den Tag der Einheit mit einer Festveranstaltung des Stadtparlamentes.

14. Oktober 1990
Bei den Landtagswahlen votieren die Wählerinnen und Wähler überzeugend für die CDU. Professor Kurt Biedenkopf wird Ministerpräsident des Landes Sachsen.

2. Dezember 1990

Der Erfolg der CDU setzt sich in der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl fort. Somit wird der Kurs der Einheit Deutschlands noch einmal bestätigt.